Für Heinz Fischer, nicht gegen die anderen

Heinz Fischer ist langweilig und feig, sagt man. Bei manchen Antwortet die er in Interviews gibt, möchte man ihn schütteln und anschreien, dass er irgendetwas sagen und nicht nur Worte abspulen soll, das kann ich irgendwie nachvollziehen. Heinz Fischer war jahrzehntelang ein „Parteisoldat“ der SPÖ in dem Sinn, dass er treu und hart für die Partei gearbeitet hat (in verschiedensten Funktionen, insbesondere im Nationalrat). Und Heinz Fischer ist seit 6 Jahren Bundespräsident der Republik Österreich und stellt sich am kommenden Sonntag seiner (ziemlich sicheren) Wiederwahl.

Die Konkurrenz ist bescheiden, Rudolf Gehring (CPÖ) und Barbara Rosenkranz (FPÖ) sind Angebote an Extremist_innen, haben aber mit der durchschnittlichen Lebensrealität von Herr und Frau Österreicher ungefähr so viel zu tun, wie ihre Ideologien mit einer modernen, aufgeklärten Demokratie. Das wird auch oft als Grund genannt, warum man Heinz Fischer trotzdem (s.o.) wählen sollte. Als Zeichen gegen Rechtsextremismus, Klerikalfaschismus, Wahnsinn, Menschenfeindlichkeit, Rassismus, etc. Und da mag schon etwas dran sein, jedenfalls ist eine Stimme für Fischer ein interpretierbares Zeichen (im Gegensatz zu Weiß- oder Nichtwählen).

Hinter dieser Argumentation die sich von sehr weit links bis mitte-rechts findet, verbirgt sich sehr oft der Konsens das Heinz Fischer eigentlich kein guter Präsident war, sondern nur das geringere Übel im Vergleich zu Gehring und Rosenkranz ist. Und das ist falsch. Zumindest wenn man keine bestimmten parteipolitischen oder ideologischen Maßstäbe anlegt, war Heinz Fischer ein ausgezeichneter Präsident.

Das Amt ist klar definiert, und außerhalb von Krisenzeiten durchaus beschränkt. Heinz Fischer hat sich keinen Fehler erlaubt. Er hat die Republik ohne Fehl und Tadel im Ausland repräsentiert, auch schon vor der großen Koalition. Er hat keinerlei Kompetenz oder Zuständigkeit in der Tagespolitik, er kann keine Gesetzte machen oder vorschlagen, dafür wird ja auch der Nationalrat (und damit die Bundesregierung) gewählt. Er hat vollkommen im Sinn der Bundesverfassung gearbeitet, für die er ein Experte ist, und sich mit dem ehemaligen VfGH-Präsidenten Adamovic einen noch bewanderteren Berater geholt hat. Dort steht nichts vom “Zeigefinger der Nation”, den plötzlich so viele zu vermissen scheinen. Die meisten Vorwürfe die Heinz Fischer gemacht werden, sind dass er nicht nach einem bestimmten Parteiprogramm (je nachdem von wo die Kritik kommt) gehandelt hat. Ja sorry, das ist wirklich nicht seine Aufgabe.

Im Wahlkampf kommt auch verstärkt die Kritik, dass Fischer nicht mit der Aufforderung an den Verfassungsgerichtshof herangetreten ist, dass dieser an ihn herantritt, etwas in der “Ortstafelfrage” in Kärnten zu machen (was notwendig wäre, damit er von Amtswegen etwas anderes machen kann, als den Zustand öffentlich zu kritisieren, was er macht). Und das ist auch gut so. Die Verfassung sieht vor, dass der VfGH an den BP herantritt. Wenn das umgekehrt wird, oder letzteres quasi versucht zu bestellen, wann an ihn herangetreten wird, wäre das nicht nur meinem Rechtsempfinden nach extrem befremdlich, sondern die Richter_innen am VfGH müssten sich doch geradezu verarscht vorkommen. Ich würd zumindest an ihrer Stelle schon allein wegen der wenn auch nicht illegalen so doch problematischen und gegen die Intention der Verfassung verstoßenden Vorgehensweise nicht positiv reagieren.

Außerdem – was könnte Heinz Fischer machen? Die zusätzliche Option die so ins Spiel käme, wäre, dass er das Bundesheer einsetzt, um dafür zu sorgen, dass das Urteil des VfGH umgesetzt wird. Jetzt ist daran ja schon lustig, dass diese Forderung öfters von Leuten kommt, die ein Problem mit dem Einsatz des Heeres im Burgenland haben1. Vor allem aber – der Zustand in Kärnten ist lächerlich, peinlich, widerlich, unmoralisch, illegal, verdammenswert, dumm. Aber das Bundesheer gegen die eigene Verwaltung einzusetzen, ist ein wirklich extremer Schritt. Ein Dammbruch. Wenn die Kärntner Landesregierung beschließt, alle Kärntner Slowen_innen zu entmüdigen und in Arbeitslager zu stecken, ok. Aber die jetzige Situation ist ein Grund dafür dass sich die Bundesregierungen seit Kreisky in Grund und Boden schämen sollten, ebenso alle Kärntner_innen die eine Partei gewählt haben, die an diesem Skandal mitwirkt, und dass diese Parteien jede moralische Legitimation für überhaupt irgendetwas verloren haben. Aber doch nicht für eine Maßnahme die in ihrer Radikalität gar nicht mehr zu übertreffen ist.

Diese Kritik weißt in eine, zumindest für mich persönlich, irritierende Richtung. Sie ist von der Sehnsucht nach einem starken Mann, einem Anführer, jemand der die Sachen anpackt und mit Gewalt durchsetzt, geprägt. Vielleicht eine unvermeidliche aber dennoch erschreckende Ermüdungserscheinung der repräsentativen Demokratie. Dass er nicht dieser Führer ist, ist eine Stärke von Heinz Fischer, und ein weiterer Grund ihn zu wählen.

  1. kA ob der verfassungswidrig ist, populistisch, sinnlos und teuer ist er jedenfalls

Ein neues Österreich

In einer Woche wird Josef Stalin Heinz Fischer als Bundespräsident der Republik Österreich wiedergewählt. Obwohl das längst feststeht, zog der Wahlkampf letztlich doch einiges an Aufmerksamkeit auf sich. Einerseits versuch(t)en die Medien, sich mit “Enthüllungen” darüber, wie rechts Barbara Rosenkranz wirklich steht, zu übertreffen, andererseits gab es bis zum Auftauchen der Vulkanasche am Himmel auch wenig andere Hauptnachrichten. Zur Belustigung zwischendurch wurde dann und wann über den dritten Kandidaten Rudolf Gehring, Obmann der Christlichen Partei Österreichs, und seine Ansichten, insbesondere zu Abtreibung (Sünde, Straffreiheit abschaffen), Homosexualität (eine Verirrung die nicht zu irgendwelchen Rechten führt) und Kinderkrippen (können die Gehirne der Kinder schädigen), berichtet.

Als er seine Kandidatur bekannt gab, habe ich schon kurz durchblicken lassen, wie wenig ich von seinen politischen Inhalten halte. Aber vielleicht lohnt sich ein zweiter Blick, immerhin hat er über 8.000 Unterstützungserklärungen bekommen, und es könnten ihn deutlich über 100.000 Menschen wählen.1

Für die nähere Betrachtung kann ich einerseits auf das ausführliche Interview das neuwal mit Gehring geführt hat, verweisen, andererseits möchte ich mir hier die von seiner Kampagne zur Verfügung gestellten Informationen, also seine Website, ansehen.

Offensichtlich zwecks Aufmerksamkeitssteigerung spricht Gehring immer wieder davon, dass er davon ausgeht, zumindest in die Stichwahl gegen Heinz Fischer zu kommen. Fragen ob er es als Niederlage sähe, wenn es nicht dazu kommt, ignoriert er. So auch online. Unter “Dafür stehe ich” sind auf seiner Website 13 Fragen aufgelistet, Frage Nr. 4 lautet “Was wäre ein Misserfolg für sie?”. Nur Antwort steht dort keine. Auch mit einer originellen Definition des Gleichheitsgrundsatzes kann Gehrig aufwarten – dieser ist nämlich der Grund, warum er das Gesetz zur eingetragenen Partnerschaft ablehnt – es verstoße gegen den Grundsatz, da es Ungleiches gleich behandelt2. Weiters steht geschrieben, das Gehring sich nicht nur “für alle Bürger in diesem Land einsetzen [würde, sondern] auch für die zahlreichen Ausländer, mit ihren unterschiedlichsten Religionsbekenntnissen”.

Der Bereich “Fragen und Antworten” dient dazu, Fragen an den Kandidaten zu stellen. So etwa Bernhard aus Wien, der Gehring auf seine Homophobie anspricht. Gehring erwiedert ihm, dass er keine Homophobie habe, und dass Homosexuelle “Menschen wie wir alle [sind], denen bei gutem Willen sogar geholfen weren kann.”. krueger aus Wien fragt, wer denn das “neue Österreich” brauche? Gehrings Antwort ist dann wieder einer jener Hinweise auf seinen ganz persönlichen Zugang zur Realität, die seinem Wahlkampf das besondere Element verleihen. Seiner Meinung nach charakterisiert sich das “alte Österreich” (also das aktuelle in dem wir leben) nämlich unter anderem dadurch, dass Politiker ohne weiteres die Verfassung brechen dürfen und die Schwachen keine Existenzberechtigung haben.

Gender Mainstreaming hat Gehring offensichtlich überhaupt nicht verstanden. Denn er lehnt es ab, da es “definiert, dass der Mensch sein Geschlecht selbst wählen kann, also ob er homo- hetero-, bi-, transsexuell (oder sonst etwas sein will).”. Abgesehen davon, dass das Geschlecht eines Menschen etwas anderes ist, als die sexueller Orientierung (von der eigentlich nur die Leute in Gehrings Eck behaupten, man könne sie sich aussuchen), bedeutet Gender Mainstreaming den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen, was wieder etwas anderes ist.

Auf seine “Kinderkrippen zerstören Kinderhirne”-Äußerung angesprochen, verweist Gehring gerne auf “wissenschaftliche Studien”. Diese bezieht er, wie auch auf der Website nachzulesen ist, aus den Publikationen von Christa Meves, die durch ihre Studien der Geographie, Germanistik und Philosophie zu einer überaus kompetent Neurologien geworden zu sein scheint, auch wenn sie nur als Psychotherapeutin arbeitet. Die fragwürdige fachliche Eignung ist aber bei weitem der nicht einzige (oder schlimmste) Kritikpunkt an Gehrings einziger Quelle:

Einer der von ihren Kritikern meistzitierten Sätze stammt aus ihrem „Ehe-Alphabet“ (1973): „Die Frau hat von ihrer biologischen Aufgabe her ein natürliches Bedürfnis nach Unterwerfung, der Mann nach Eroberung und Beherrschung.“[11] Kritiker werfen ihr auch vor, dass sie 1977 in einem Interview mit der Zeitschrift „Mut“ bekannte, „dank Ableistungen für Führer, Volk und Vaterland“ habe sie „in den letzten Kriegsjahren mehr praktische Psychologie und Pädagogik gelernt als später an der Universität“.
[...]
Zu sexueller Aufklärung schreibt Meves: „Das Ziel der geschlechtlichen Erziehung kann also unmöglich darin bestehen, Kenntnisse und Praktiken über sexuelle Vorgänge zu erwerben. … Sexualität ist, wie bei den Tieren, ein Triebgeschehen, zu dessen Funktionieren es absolut keiner Aufklärung bedarf.3

Das sind nur einige Facetten des Mannes, den viele in der ÖVP (lt. Andreas Kohl) für wählbarer halten, als Heinz Fischer.

  1. Bei einer Wahlbeteiligung von 60 % sind 3 % ca. 114.000 Stimmen
  2. So wie die Gleichberechtigung von, biologisch offensichtlich verschiedenen (also ungleichen), Männern und Frauen oder die Anerkennung mehr als einer Religionsgemeinschaft (die sind ungleich, wie kann man sie alle gleich anerkennen?) eindeutig gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen.
  3. Wikipedia

Rechts ist die neue Mitte

Der Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ), dem von Linken immer wieder T-Hemden gestohlen werden, die diese dann tragen, wenn sie auf FPÖ-Veranstaltungen die Hand zum Deutschen Gruße erheben, um dem liberalen Mitte-Rechts-Politiker Heinz Christian Strache zu schaden, ist bekanntermaßen die Jugendorganisation der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Der rechtsextreme RFJ hat sich schon vor einiger Zeit an das alte Lied “Nur der Freiheit gehört unser Leben”1 erinnert. Dieses schöne Lied, dass die enge Beziehung zwischen DEUTSCHEM BLUT UND DEUTSCHEM BODEN dem RFJ und der Heimat zum Ausdruck bringt, wurde von Hans Baumann, der u.a. als Kinder- und Jugendbuchautor und Übersetzer bekannt war, geschrieben. 1935 für die Hitlerjugend, für die es eines der meistgesungenen “Kampflieder” wurde. Entsprechend stößt man auch auf die einschlägigsten Seiten, wenn man nach dem Lied googlet.

Umso verstörender sollte es eigentlich sein, wenn Spitzenpolitiker_innen der Republik Österreich (Nationalratsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, Mitglieder von Landesregierungen) im Jahr 2010 auf einem Landesparteitag dieses Lied singen, noch dazu wenn sie es nicht betrunken im Hinterzimmer anstimmen, sondern zur feierlichen Eröffnung. Es ist aber nicht verstörend, sondern normal (die FPÖ selbst erwähnt es ganz beiläufig in einer Presseaussendung). Mittendrin die freiheitliche Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz, die gestern ihren Wahlkampfauftakt beging, und sich selbst bekanntlich in der Mitte der politischen Landschaft sieht. Und so falsch ist das vielleicht gar nicht. Zwar wäre, wenn man dies einfach übernimmt, die ÖVP linksextrem und alle anderen Parteien gar nicht mehr kategorisierbar. Aber so wie die FPÖ die Grenzen des politisch Zulässigen Stück für Stück nach rechts verschiebt, könnte Barbara Rosenkranz schon bald nicht mehr den rechten Rand der FPÖ und der österreichischen Innenpolitik darstellen, sondern ein gemäßigte Mitte-Rechts-Politikerin.2 PS: Eine von zwei österreichischen Großparteien kennt keinerlei Distanz zur FPÖ, das sollte man auch nicht vergessen.

  1. Unter diesem Titel erschien 1969 auch ein Verfilmung von Ödon von Horvaths “Jugend ohne Gott”.
  2. Immerhin ruft sie nicht zur militärischen Einigung Großdeutschlands, oder zur industriellen Massenvernichtung von Juden und Jüdinnen, Ausländer_innen und Linken auf. Rechts von der FPÖ ist schon noch Platz.