Twitter und die Altparteien

Keinen leichten Stand hatte die schwarze Minderheit auf Twitter in den letzten beiden Tagen. “Einzelkämpfer” wie @svejk (Webredaktion der BundesÖVP), @waehringer (ÖVP-Bezirksrat in Währing) und seit kurzem @DanielKnapp (Sprecher des Größten Finanzministers aller Zeiten, Josef Pröll) haben gegen die grüne absolute Mehrheit im kleinen politischen Twitterversum Österreichs keinen leichten Stand. 1 Der erste Sturm im Wasserglas nahm seinen Ausgang bei Robert Misik, der in der aktuellen Ausgabe von FS Misik fragt, wieso GröFaZ Pröll den unbedingt Sozialneid gegen die Schwächsten schüren muss. Grundsätzlich eine berechtigte Frage. Prölls Pressesprecher twitterte darauf an den “Standard”, wo FS Misik erscheint, ein Zitat des bekannten Hasspredigers Henryk M. Broder, laut dem Misik der “wichtigste Wiener Nichtdenker und Philosophen-Darsteller seit Hermes Phettberg” sei. Soweit, so harmlos. Robert Misik griff das allerdings auf, und wunderte sich, wie er als unabhängiger Journalist vom Sprecher des ÖVP-Finanzministers behandelt werde. Gut, aus Kapps Sicht ist Misik sicherlich ohnehin “verloren”, auf die ÖVP-Seite holt man ihn im Leben nicht mehr. Aber ich verstehe schon, wieso man mit einer gewissen Schadenfreude “Ausrutscher” von PR-Menschen, von denen einige in ihrer Job-Describtion offensichtlich das tiefstmögliche Erkunden diverser Därme haben, quasi zelebriert. Dass dahinter ein politischer links-rechts Konflikt steht, dürfte aber die eigentliche Dynamik entfacht haben. Kapp reagierte auf die kritischen Tweets gegen ihn, mit der Feststellung, das Misiks “Jubelperser” toben. Das provozierte

empörte

kritische Reaktionen von Österreichs A-Blogger Helge Fahrnberger und dem anderen “Paradelinken” (neben Misik), Klaus Werner-Lobo. “Jubelperser” hat zwar einen problematischen Ursprung, nur hat er längst in die Umgangssprache Einzug gehalten, was den Vorwurf, Kapp würde tatsächlich den Vergleich zu Geheimdienstagent_innen die Demonstrant_innen verprügeln ziehen, merkwürdig aussehen lässt. Gerald Bäck analysiert das sehr schön. Am nächsten Tag folgte dann eine etwas kleinere Diskussion, als Klaus Werner-Lobo (@olobo) auf einen Artikel der “Berliner Zeitung” hinweist, in der GröFaZ Pröll und seine unsägliche Superpraktikanten-Aktion nicht gut wegkommen. Der Link verbreitete sich schnell via ReTweets. @svejk kritisierte daraufhin, zurecht wie ich finde, das journalistische Handwerk.2 Dafür wurde er dann selbst wieder kritisiert. Das sind zwei exemplarische Fälle, für Diskussionen, denen sich gerade @svejk fast täglich stellt (bzw. stellen muss, gehört ja zu seinem Job). Dass es solche gibt, ist im Vergleich zu der Zeit, als ich Twitter zu nutzen begann (vor über einem Jahr), dennoch ein Fortschritt, da damals überhaupt Einigkeit herrschte3. Die soziologischen Hintergründe, wieso ausgerechnet Grünwähler_innen so aktiv auf Twitter sind, möchte ich außen vor lassen. Wie Gerald Bäck (s.o.) aber schön analysiert, hat die verzerrte Repräsentation der österreichischen politischen Landschaft (Meinungsdominanz der kleinsten Parlamentspartei) auch mit dem Versagen der Parteien im Web zu tun. Das hat damit zu tun, das der klassiche Zugang aller Parteien was Kommunikation betrifft, im Web 2.0 nicht funktioniert. Zwischen den Bürger_innen und der Partei sind keine Journalist_innen zwischengeschaltet, die die Essenz aus deren faden Presseaussendungen filtern und das ganze möglicherweise interessant verpacken. Die Parteien hätte hier die Chance, direkt mit den (wenigen) Bürger_innen die sich dafür interessieren, zu kommunizieren. Nur interessiert die Parteien das herzlich wenig, in ihrer Wahrnehmung gibt es nur die Frage, wie man mit dem Inhalt “in den Medien” ankommt. Und tatsächlich handelt es sich dabei um eine gefährliche Gratwanderung, lesen doch old media in den new media mit, und würden jede Partei die nicht präsentiert “das und das und das ist so und wir forden dieses und jenes”, sondern vielleicht einfach mal Fragen stellt, in der Luft zerreißen oder ignorieren, weil man darauß keine Story machen kann. Dazu kommt der Umstand, dass die Web 2.0 Gemeinde politisch vollkommen irrelevant ist. Wer seinen Wahlkampf auf diese Gruppe konzentriert, kann auch gleich auf ein Antreten verzichten, was das Risiko einer Kritik in den old media als viel zu groß erscheinen lässt. Der einzige “wirkliche” Nutzen wäre eine massenmediale Rezeption, wie sie die Videobotschaft von Heinz Fischer anlässlich seiner Wiederkandidatur erfahren hat. Und wenn sich eine Partei vorwagt, und tatsächlich Zeit, Geld und Energie ins Web investiert, sind die Erfolgschancen demotivierend gering. Das liegt an einer Mischung aus Unverständnis, Inkompetenz und Angst sich zu weit vor zu wagen bei den Funktionär_innen einerseits, und einer negativen Erwartungshaltung der Community andererseits. Um erfolgreich zu sein, müssten die Parteien dies überwinden, was in der momentanen Lage in meinen Augen nur ginge, wenn sie die ihnen nahe stehenden Mitglieder der Community ins Boot holen würden, also zB die Wiener Grünen anstelle eine eigene Plattform nachzuschmeißen, einfach den Initiator_innen der Grünen Vorwahlen den Segen (und die Finanzierung) gegeben hätten, offiziell weiterzumachen. Sicher, das ist keine Garantie für Erfolg, viele User würden wahrscheinlich abspringen und sich gegen “Vereinnahmung” verwehren. Andere würden selbst Leuten die in den letzten Jahren ins Web (2.0) hineingewachsen sind, und sich darin ganz natürlich bewegen, sobald sie für eine Partei Farbe bekennen und sich engagieren, vorwerfen unauthentisch zu sein. Meine persönliche Erfahrung dazu ist folgende. Ich habe seit ich mich auf Twitter und in der Blogsphäre bewege, nie ein kritisches Wort über knallgrau gehört, vielmehr war oft der Name der Agentur Argument genug, dass es sich bei Projekt XY umd Qualität und echte Expert_innen handelt. Das änderte sich genau in dem Moment, als bekannt wurde, das knallgrau für die SPÖ arbeitet.

  1. Gilt genauso für die SPÖ, die zB @zlouma vertritt. Aber immer noch besser als die restlichen, praktisch inexistenten Parteien.
  2. Zu Verschweigen dass Klaus Werner-Lobo ein gründer Gemeinderatskandidat im Vorwahlkampf ist, ist einfach unredlich. Und wenn es nicht verschwiegen, sondern einfach nicht gewusst wurde, macht dass die Sache auch nicht gerade besser.
  3. Ich war auch als Sozialdemokrat die längste Zeit ziemlich allein.

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10 Responses to “Twitter und die Altparteien”

  1. Neu auf Feuerhaken.org: Twitter und die Altparteien http://bit.ly/6g7JD2

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  2. zlouma sagt:

    Lesenswert. RT @quitzlipochtli: Neu auf Feuerhaken.org: Twitter und die Altparteien http://bit.ly/6g7JD2

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  3. olobo sagt:

    Vom Jubelperser zum Paradelinken, na immerhin ;-) RT @quitzlipochtli: Twitter und die Altparteien http://bit.ly/6g7JD2

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  4. Helge sagt:

    Just for the records: Wenn ich “empört” bin, klingt das anders.

  5. alm sagt:

    Die Grünen haben den Grünen Vorwähler_innen keine Plattform “nachgeschmissen” auch wenn das in dieser Art und Weise immer perpetuiert wird. ichkandidiere.at war lange geplant und die Grünen haben das wie geplant gelaunched. Ich sehe da auch keine Unverträglichkeit zu gruenevorwahlen.at

    Ja hier hätte zusammengearbeitet werden können, aber deswegen ist die eigene Plattform ja an sich nicht schlecht. Nicht dass du das behauptest. Ich weiß.

  6. Tom93 sagt:

    Du möchtest ein Sozialdemokrat sein …?

    Ich kann nur das übliche Bashing erkennen.

    “Vorwärts und nicht vergessen,
    worin unsere Stärke besteht!
    Beim Hungern und beim Essen,
    vorwärts und nie vergessen:
    die Solidarität!”

  7. Was ist eigentlich passiert seit http://thomasknapp.at/gendern-abgelehnt/ ? Hab da was versäumt…?

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