Der Mohr und die linke Sprachverwirrung

Die “Mohr im Hemd”-Debatte ist per se eine lächerliche und das schlauste wäre es gewesen, sie zu ignorieren. Weil ich aber von prominenter Seite in die Nähe des Rechtsextremismus/Neonazismus gerückt werde, hier ein paar Anmerkungen: Ja klar ist das Wort “Mohr” rassistisch. Ich habe auch nie das Gegenteil behauptet. Aber ich habe Angst. Angst vor der Zukunft in einem Land in dem die Parteien die die Mehrheit der Stimmen bekommen, Deutsch zu sprechen als Wert an sich verkaufen, in dem diese Parteien es opportun finden, Asylwerber als Gefahr zu sehen, als Verbrecher, und nicht als hilfesuchende, verzweifelte Menschen. Ein Land in dem die FPÖ eine Grenzverschiebung nach der anderen vornimmt, aktuell in der “Asyl-Frage” etwa, wenn Strache fordert “die Traumatisierung abzuschaffen” (also er meint damit wohl besondere Schutzbestimmungen) oder in der Debatte um Martin Graf, wenn die FPÖ einfach mal sagt es gibt keinen antifaschistischen Grundkonsens in Österreich und aus. Und die politische Kraft (verschiedene Gruppierungen und Parteien) die dagegen etwas tun sollte, hat sich völlig auf die Sprache als Kampffeld zurückgezogen. So als wäre das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit eine Einbahn, und wenn man nur genug “böse Wörter” verbietet, rettet man die Welt. Das ist es, worüber ich mich lustig mache und was ich kritisiere. Vor diesem Hintergrund die Frage ob Eskimo “Mohr im Eis” verwenden so hochzuspielen, ist merkwürdig. Das ist ein bisschen so wie die von Rosemarie Schwaiger in ihrem ausgezeichnetem “profil”-Leitartikel beschriebene Befremdung ob der Divergenz der Empörung und des Engagements gegen ein “Alkoholverbot” im Hof des Museumsquartiers einerseits, und dessen wesentlich geringerem Auftreten ob Misständen wie dem Millionengrab Skylink am Wiener Flughafen andererseits.

Eine Öffentlichkeit, die ihr Empörungspotenzial grundsätzlich nur an Nebenschauplätzen verprasst, führt nämlich zu genau der Art von Politik, die in Österreich praktiziert wird.

Dass ist das eine. Das andere die extreme Sprache in der die Vorwürfe von Klaus Werner-Lobo vorgetragen werden. Nach seinem Verständnis von Rassimus ist es unmöglich kein Rassist zu sein, sofern man irgendetwas mit Menschen die sich nach “rassistischen Kriterien” (Hautfarbe, Sprache) von einem selbst unterscheiden zu tun hat, da man notwendiger Weise irgendwelche Bilder im Kopf hat oder spätestens beim ersten Kontakt entwickelt. Damit besteht aber der Unterschied zwischen Klaus Werner-Lobo und einem überzeugten Rassisten nur darin, dass der eine sich dafür schuldig fühlt, und der andere stolz darauf ist. Was dann doch die tatsächlichen Unterschiede so überhaupt nicht zum Ausdruck bringt und den Hass des Rassisten geradezu verharmlost. Ebenso die Behauptung dass der Zwischenrufer, Gerald Bäck und ich uns in der Nähe zu rechtsextremen/neonazistischem Sprachgebrauch aufhalten würden. Wo befindet sich dann ein Satz wie “Adolf Hitler ist mein Held und die Vernichtung des Judentums ist eine gute Sache”. Wenn sich das nur ein wenig von “‘Mohr im Hemd’ ist rassistisch, aber die Diskussion ist eine Scheindiskussion die an echten Problemen vorbeigeht und der Sache mehr schadet als nützt” steht, dann naja, kommt mir das ziemlich merkwürdig vor. Wieder wird ein massiver Unterschied verkleinert und eine furchtbare Position verharmlost. Ich bin ein Gutmensch in allem was ein Rassist, ein Neonazi, ein Rechtsextremer damit meinen kann. Und als Gutmensch tut es mir weh, wenn andere Gutschmenschen mit ihrer Oberlehrerhaftigkeit und ihrer Verabsolutierung der Wahrheit an sich die nur sie kennen, der Sache an sich schaden. Politik ist für mich die Kunst des Möglichen und gänzlich von einer akademischen Diskussion verschieden. Das ist keine Definition sondern meine Erfahrung und mein Erleben. Politisch bin ich Pragmatiker, und als solcher sehe ich, dass bei aller ideologischer Reinheit und sprachlicher Korrektheit dem Antirassismus an sich hier in der Öffentlichkeit massiv geschadet wird. Er wird als lächerliche, sich mit Kleinigkeiten beschäftigende Sprachpolizei dargestellt. Hier werden völlig unverhältnismäßige Empörungsstürme losgetreten und Beschuldigungen gemacht, bei denen es sich wohl um unhinterfragte Rituale und Reflexe der Linken handelt, die bei ihrer Entstehung gegen ganz andere Probleme gerichtet waren. Oder wie Thomas Mohr (ausgerechnet!) zwitschert:

Die Mohrendebatte erweckt m.E. eine ausgestorbene Bedeutung zum Leben, nur um deren Hinrichtung als Hakerl im Notizbuch zu zelebrieren.

So entsteht hier ein Bild dass die Bezeichnung einer Süßspeise das größte Rassismusproblem in Österreich ist. In einem Land in dem man Schwarze Menschen im Zuge ihrer Abschiebung/Verhaftung schon mal umbringen kann, ohne groß Konsequenzen fürchten zu müssen.

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3 Responses to “Der Mohr und die linke Sprachverwirrung”

  1. Mathias sagt:

    Aber bedenke doch: Sprache schafft Wirklichkeit! Irgendwann werden Schwarze auf der Straße mit Schlagobers beworfen und von hungrigen Österreichern angeknabbert – und dann hättest du dir gewünscht, dich lieber mit rassistischen Begriffen, anstatt mit so Nichtigkeiten wie von der Polizei verprügelten Afroamerikanern oder angezündeten Asylheimen auseinandergesetzt zu haben!

  2. ich lege wert auf die feststellung, dass ich niemanden in die nähe des nazismus gerückt habe, sondern eure jeweiligen kommentare in die nähe von ähnlichlautenden kommentaren durch nazis – z.b. dieser argumentation im verlinkten naziblog: "(…) denunziert alles als „rassistisch“, was über sein Kulturverständnis und seine natürlichen Begriffsmöglichkeiten hinausgeht. Doch geht es uns hier nicht darum irgendwelchen Schwarzen etwas weismachen zu wollen, sondern lediglich darum, aufzuzeigen, mit welcher Dreistigkeit hier denunziert wird." oder der kommentar nr.17 ebendort.

    und wenn du anführst, dass es wichtigere kampffelder gebe: ja. und deshalb verwendet ein großer teil jener, die sich eben auch kritisch zur eskimokampagne äußern, seit vielen jahren einen großteil der arbeits- und freizeit genau für die von dir genannten wichtigen themen. dein/euer engagement wäre dabei sehr willkommen.

  3. [...] Thomas Knapp: Der Mohr und die linke Sprachverwirrung [...]

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