Die "Krone" der Schönheit
Dies ist der Titel, unter dem Dr. Doris Grablowitz in der “Krone” immer wieder Briefe zum Thema Schönheit(schirurgie) beantwortet. So auch heute.
Frau L.P. aus Graz schildert ihr Schicksal:
“Mein Mann ist vor zwei Jahren verschwunden und hat mich und meine drei Kinder (4, 5 und 7 Jahre) alleine sitzen lassen. Es war ein Schock für uns alle, wir mussten aus unserer Wohnung ausziehen, leben bei meinen Schwiegereltern, mit meinem Teilzeitjob kann ich unsere Ausgaben bezahlen, und wenn es gar nicht mehr weitergeht, hilft meine Mutter, aber ich weine viel, und von meinem größten Wunsch, meine hässliche Nase zu operieren, kann ich nur noch träumen, denn ich habe eine große, dicke Knollennase, die an all dem Unglück schuld ist, denn wenn man so hässlich ist wie ich, wird man leichter verlassen als andere Frauen und so oft denke ich, wenn es sie nicht mehr gibt, wird alles besser, mein Mann kommt zurück, aber die Krankenkasse bezahlt keine Operation an einer gesunden Nase. Und so sind Sie meine letzte Hoffnung, um einen Chirurgen zu finden, der meine Lage versteht und der mir als Weihnachtsengel hilft.”
Dr. Doris Grablowitz antwortet:
“Alle Ihre Frustration über das Weggehen Ihres Mannes und Ihre jetzige Situation haben Sie auf ihre Nase übertragen. Als vernünftiger Arzt und Außenstehender müsste ich Ihnen erklären, dass nicht die schönste Nase der Welt Ihre Situation verändern kann, sondern nur Sie selber. Aber ich habe so oft in meinem Leben als ästhetischer Arzt [Anm. Dr. Grablowitz ist Dermatologin] gesehen, wie motivierend die Erfüllung eines Sehnsuchtswunsches sein kann und dass diese Motivation Berge versetzen kann. Also geht meine Bitte an alle Nasen-Chirurgen, die diese Rubrik lesen, sich bei mir zu melden und Frau P. zu ihrem einzigen Weihnachtswunsch, einer schönen Nase, zu verhelfen.”
Diese Antwort ist in so vieler Hinsicht interessant bis aufreibend, dass ich nur einiges kurz anreißen möchte, da ich mich sonst in sinnlosem Ärger verliere.
1) Eigentlich nur eine Randbemerkung, aber Dr. Grablowitz, oder wer auch immer ihre Kolumne Korrektur liest, spricht konsequent von ihr in der männlichen Form. Das ist entweder ein dummer Fehler, ein dummes “Aufbegehren” gegen politisch korrekte “Innen”-Schreibung oder ein freudscher Verschreiber der auf einem Geheimnis fußt (mit Tiefenpsychologie beschäftigt sich Dr. Grablowitz, wie der Beginn ihrer Antwort zeigt, ja wohl, oder so…).
2) Wie oben verlinkt betreibt Dr. Grablowitz mit ihrem Mann, dem Chirurgen, selbst “Ästhetische Zentren”, bräuchte also gar niemand anders suchen, der Frau P. operiert. Aber vielleicht nagt sie am Hungertuch, und kann sich das nicht leisten. Oder sie hat Angst, das unethische Operationen vielleicht doch jemandem in der Ärztekammer auffallen (unwahrscheinlich, oder?).
3) Finde noch jemand außer mir diese Antwort absolut unvertretbar und ethisch verwerflich? Das Problem mit der Krankenkasse liegt darin, dass sie psychologische Hilfe kaum unterstütz. Dem Ganzen liegt sehr wahrscheinlich ein Problem des Sozialstaates zu Grunde. Wohl auch einiges persönliches. Aber ein Problem der plastischen Chirurgie?
Hier der Scan der Kolumne (Kronen Zeitung, Donnerstag, 25. Dezember 2008/Nr. 17.476)


Die Krankenkasse “unterstützt” auch andere Dinge nicht, so erkennt sie z.B. – im Gegensatz zu DE – Burnout Syndrom nicht als Krankheit(sbild) an.
Wow, das wusste ich nicht… Schlimm…
Habe ich heute auch zufällig gelesen und fand ich äußerst suspekt. Noch suspekter allerdings, dass der mittlere Satz von Frau P. aus geschlagenen 111 Wörtern besteht…
Zu 2: Frau P. ist wohl derzeit mittellos und eine kosmetische Operation kostet nun mal einiges. Dr. G. wird die Operation nicht kostenlos und wahrscheinlich auch nicht sonderlich kostengünstig durchführen wollen, deshalb richtet sie einen Aufruf an “alle Nasenchirurgen”, die die Operation ihrerseits “irgendwie” ermöglichen sollen. Vielleicht wünscht sie sich, dass irgendjemand als besonderes Weihnachtsgeschenk für lau operiert…
Zu 3: Die Antwort ist unzumutbar und himmelschreiend. Dr. G. hat offenbar aufgrund der paar Zeilen den Entschluss gefasst, dass “da jetzt operiert werden muss”. Ohne ein persönliches Gespräch mit der Frau gesucht zu haben und ohne sie in irgend einer Weise über die Folgen einer solchen Operation aufgeklärt zu haben. Der einzig richtige Rat wäre eine psychische Betreuung für die arme Frau, die ja tatsächlich glaubt, ihr Mann hätte sie wegen der Nase verlassen und käme zurück, wenn sie die Nase verschönerte.
Ihre Antwort auf “Rotwein als Jungbrunnen” ist in ähnlicher Weise ethisch zu beanstanden. Sie rät tatsächlich zum Alkoholkonsum (5-7 Achtel pro Woche) und erwähnt mit keinem Wort die Gefahr einer Abhängigkeit und geht nicht auf die schädlichen Auswirkungen des Alkohols ein. Minimale Mengen können schon das Brustkrebsrisiko signifikant erhöhen, aber alles kein Problem, solange das Antioxidans Resveratrol die Haut jung und schön hält. Ist wie bei einer Anti-Matsch-Tomate, nach außen hin prall und rot, aber innen grausig und kaputt.
Ja, genau. Als ich das zum ersten Mal durchgelesen hab, dachte ich, ich spinne. Ich musste die Antwort noch zwei Mal lesen, damit ich glauben konnte, das jemand der sich Arzt schimpft (obwohl sie eine Frau ist, ich find das einfach komisch), so einen unethischen Dreck verzapft. Noch dazu in einer so großen Verbreitung.
@Mathias – ist mir beim Abschreiben gar nicht aufgefallen. Hat ja schon fast Bernhard’sche Ausmaße…